Medien-im-Raum-Preis Stuttgarter Filmwinter

33. Stuttgarter Filmwinter WINNER 2020

– MEDIA IN SPACE COMPETITON goes to ERINNERUNGSLÜCKEN / INNERE SICHERHEIT by KATHARINA KOHL – 33. STUTTGARTER FILMWINTER

Die Begründung der Jury

Das Thema der Abwesenheit findet sich in dieser Arbeit. Abwesenheit von klaren Umständen. Abwesenheit von Gerechtigkeit, von Wahrheit, von Informationen, von Gewissheit und von Beweisen. Diese Abwesenheit ist schwarz und geschwärzt. Diese Darstellung offenbart die kraftvolle Macht und den Wunsch, sich nicht erinnern zu wollen. Die Verantwortlichen wollen für die Auswirkungen ihrer Handlungen nicht einstehen. Sie ziehen die Unwissenheit und das Vergessen dem Gewicht der eigenen Positionen vor.

Der Gestaltungswille und Ausdruck der Arbeit ist auf das Notwendige reduziert. Alles wird auf den Punkt gebracht. Jedes ikonografische Element spiegelt scharfsichtig die Botschaft. Es gibt nicht das „Zuviel“ oder das „Zuwenig“. Dieses Werk, Teil eines viel grösseren, ist konzeptionell und gestalterisch durchdacht. Die Jury ist begeistert und absolut überzeugt, dass nicht nur das Thema des Festivals punktgenau reflektiert, sondern auch dass die inneliegende Botschaft mit grosser Eindringlichkeit und Genauigkeit getroffen wurde.

English

The topic of absence is beautifully expressed in this work. The absence of justice, of information, of truth and of proof. Everything is covered with darkness, blacked out. The work reveals the forceful power of willing not to remember. People abdicate responsibility for their actions. They choose not to know and not to remember rather than standing up for their own position.

The asthetic language is stripped back to its minimum. Iconografic elements precisely communicate the message. Nothing is ever „too much“ or „too little“. The work is asthetically and conceptually balanced, and represents one aspect of a larger body of work. The jury is impressed and absolutely convinced of this work’s merit and its relevance within the festival‘s theme.

Medienkunst beim Stuttgarter Filmwinter: Manipulierte Spieler und nützliche Idioten

stuttgarter-nachrichten.de von Bernd Haasis, 

16.01.2020

„….Absurde Erinnerungslücken

Was vom NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages bleibt, zeigt Katharina Kohl in „Erinnerungslücken/Innere Sicherheit“: Sie ist den Aktenberg durchgegangen und hat alles geschwärzt bis auf die Stellen, an denen sich Befragte nicht erinnern können – was auf jeder der über einen Monitor laufenden Seiten mindestens einmal der Fall ist. „Am besten gefällt mir die Formulierung , Das ist mir nicht erinnerlich‘“, sagt Kohl, die zur Ausstellungseröffnung nach Stuttgart gekommen ist. Einzelne Sätze des Vergessens hat sie hörspielartig einsprechen lassen, über dem Monitor zieht eine projizierte Prozession angeketteter Aktenordner vorbei. „Es kam nicht heraus, das ist völlig absurd, und meine Arbeit ist die absurde Antwort darauf.“ …..“

Im Labyrinth der NSU-Morde

Süddeutsche Zeitung, 26.9.2019, von Olaf Przybilla

Link

„… Vielleicht beginnt man die Ausstellung „Das Labyrinth“ im Nürnberger Kunsthaus im letzten Zimmer dieser Schau zum NSU-Komplex. Zur Rechten steht dort ein Fernseher mit Sitzbank, zu verfolgen ist ein Ausschnitt aus dem Film „Das Protokoll des zweiten Jahres. Der ganze Film“. Dieser basiert auf den Aufzeichnungen, die der Bayerische Rundfunk und die Süddeutsche Zeitung vom NSU-Prozess angefertigt haben. Von Schauspielern nachgesprochen werden Befragungen durch den Richter Manfred Götzl. Das deutsche Rechtssystem sieht Aufnahmen von Gerichtsverfahren bekanntlich nicht vor. So nahe wie in diesem Video wird man diesem historischen Prozess sonst folglich nicht kommen können. Es sei denn, man wäre Augenzeuge gewesen.
Das Ausstellungszimmer ist zweigeteilt, rechts der Bildschirm mit der Götzl-Befragung, links eine Arbeit von Katharina Kohl. Sie hat 40 Personen gemalt, die mit dem NSU-Komplex auf staatlicher Seite zu tun hatten. Die sogenannten Sicherheitsbehörden also: Staatsanwälte und Staatssekretäre, Polizeibeamte und Ministerialbeamte, V-Mann-Führer. Diese Porträts werden flankiert von einer Serie kopierter Dokumente, auf denen man zunächst wenig zu sehen scheint. Ein schmaler Vermerk an der oberen Seite der Blätter klärt auf, dass es sich um Protokollseiten aus einem NSU-Untersuchungsausschuss handelt.
Diese Blätter sind fast vollständig geschwärzt, einer Anklageschrift gleich, bei der das Wichtigste dem Auge des Betrachters verborgen bleiben muss. Lediglich an einzelnen Stellen sind in die allumfassende Schwärzung Lücken gerissen. Dort erfährt man, was im Ausschuss gesagt wurde. Zum Beispiel „Nein, soweit ich weiß, wussten wir nichts.“ Oder auch: „Nach meiner Erinnerung kann ich mich wohl nicht mehr konkret erinnern.“ So elegant, so subtil und doch scharf kann man als Künstlerin Klage erheben. Hier treffen 40 Porträts auf 40 Gedächtnislücken. Personifizierte Gedächtnislücken sozusagen. …“